Hybris im Lehn

Über das Klettergebiet bei Interlaken muss man nicht viele Worte verlieren. Es ist beliebt, im Frühjahr und Herbst überlaufen, ausdauernd, meist leicht überhängend und verlangt auf einer Länge von 20 – 30 Metern guten Grip und hohe Laktat-Toleranz, um die abschüssigen aber sehr  kompakten Sandsteingriffe erfolgreich bis zum Clippen des Umlenkers festzuhalten.

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Lehn

Nachdem Thömu Schmid und mir langsam die bestehenden Routen ausgegangen sind, haben wir uns im Frühjahr 08 dem alten Hanspi Sigrist Projekt gewidmet.

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Hybris – untere Crux

Seit dem Einbohren, wahrscheinlich irgendwann Mitte der 90er Jahre, fristet die Linie einen Dornröschenschlaf. Da schon lang niemand mehr ernsthaft probiert hatte, wollten wir uns von den knapp 30 Metern mal einen genaueren Eindruck verschaffen. Nach dem Ausbouldern hat Thömu mal pauschal gefunden, dass das Ding ungefähr bei 8b+ eincheckt. Ich hab’s ihm geglaubt und mein dumpfes Gefühl, dass mich die obere Schlüsselstelle wohl zig Mal rauswerfen würde, auf mangelnde Form und Ausdauer geschoben (die war bei mir noch nie wirklich ausgeprägt).

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Hybris – untere Crux

Die kommende Zeit, also von Ende März bis Mitte Mai, bin ich dann mit Fleiss an die Route gepilgert, aber abgesehen von einem Lucky-Punch der mich mal über die untere Passage zum markanten Ruhepunkt gebracht hat, war der Erfolg doch eher mässig. Da es im Sommer im Lehn für mich zu heiss ist, und da die Route guten Grip verlangt, hab ich mich erst wieder im September an die Aufgabe gemacht, und siehe da –  das Pumpen von Ausdauerrouten im Sommer (Gastlosen und Gimmelwald) hat sich bezahlt gemacht. Trotzdem musste ich noch zahlreiche Versuche, die zum Teil knapp vor dem Umlenker beendet wurden, aufwenden, bevor ich Anfang Oktober den ersehnten Abschlussgriff in den Fingern halten konnte.

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Hybris – obere Crux

Der Name „Hybris“ bedeutet sowas wie „Grössenwahn“ oder „die Götter herausfordern“, und das passt ja auch nicht schlecht zum anfänglichen Übermut. Zur Sicherheit hab ich danach noch die Mission Miranda (8c) wiederholt und die Hybris mal vorsichtig mit 8c/8c+ bewertet. Nach mittlerweile einigen Wiederholern (u.a. Thömu, der zeitbedingt die Route erst später wieder aufgreifen konnte) scheint sie nun bei 8c+ einzuchecken, und das ist für mich auch ok. Ein Video von der Route gibt’s in der Video Gallery (danke an Reto Aschwanden). Alle Bilder sind von Markus Zimmermann (all rights reserved), auch dafür besten Dank!